ICANN ist ein Pilotprojekt für neue Politik


Prof. Dr. Wolfgang Kleinwächter hält Vortrag in Passau

Das Internet wird möglicherweise zu enormen Veränderungen im weltweiten Politikverständnis führen. Diese Ansicht vertritt der Leiter des ICANN-Studienkreises, Prof. Dr. Wolfgang Kleinwächter. In seinem Vortrag an der Passauer Universität sprach er über das globale Management des Internet durch die Aufsichtsorganisation ICANN. „Man kann ICANN durchaus als Pilotprojekt für ein neues Politikmodell sehen“, sagte Kleinwächter.

Der Vortrag bildete den vorläufigen Abschluss der Reihe „Internetrecht pur“ der Lehrstuhls von Prof. Dr. Dirk Heckmann.

Die 1998 gegründete nicht-kommerzielle ICANN arbeitet, laut Kleinwächter, mit einer völlig neuen Machtstruktur. Während normalerweise die Regierung an der Spitze eines Landes steht und von Industrie und Bevölkerung beeinflusst wird, sei es bei ICANN umgekehrt: „Nutzer und Anbieter, das heißt Zivilbevölkerung und private Industrie, konstituieren die oberste Ebene. Die Regierungsvertreter der einzelnen Länder können nur Empfehlungen an dieses ‚Board of Directors’ richten“, so Kleinwächter. Alle Sitzungen des Boards seien außerdem öffentlich, dank Video- und Audiostream im Internet. Dies erzeuge Transparenz und führe zu „vernünftigen Entscheidungen“ der ICANN-Vertreter.

Kleinwächter wies auch auf die Errungenschaften von ICANN hin. So habe die Organisation zur Entwicklung der außergerichtlichen Streitschlichtung beigetragen. „Viele Domainkonflikte werden mittlerweile vor virtuellen Gerichten entschieden. Bislang landeten rund 5000 Fälle vor dem Schlichter“, betonte der Professor. Diese Verfahren seien besonders schnell („in acht Wochen erledigt“) und billig. Eine weitere Errungenschaft von ICANN sei die im Jahre 2000 durchgeführte weltweite Online-Direktoren-Wahl gewesen. Dies habe zu einem breiten Meinungsspektrum innerhalb des Board of Directors geführt.

Welchen Einfluss das Politikmodell von ICANN auf die globale Politik der Zukunft tatsächlich haben wird, sei nicht abzusehen. Kleinwächter: „Natürlich sind noch viele Probleme zu lösen, das alles ist ein sehr abenteuerliches Neuland. Daran kann ICANN letztlich auch scheitern“. Schon jetzt sei aber festzustellen, dass sich im Internet zunehmend virtuelle Gemeinschaften herausbilden, die eines Tages die reelle Staatenaufteilung der Welt überlagern könnten. Der Professor unterstrich dabei die Bedeutung von Domainadressen: „Wenn zum Beispiel irgendwann sämtliche Museen der Welt unter einer „.museum“-Adresse im Netz stehen, bilden sie zusammen eine ganz neue Interessengemeinschaft, die auch Einfluss auf die Politik nehmen kann.“

Prof. Wolfgang Kleinwächter ist Dozent am „Department for Media and Information Sciences“ der Universität Aarhus in Dänemark und Direktor des NETCOM Instituts der Medienstadt Leipzig e.V. Seit Mitte der 90er Jahre verfolgt er die Entwicklung des Domain Name Systems (DNS) und ICANN und beteiligt sich selbst aktiv an diesem Prozess. Der von ihm geleitete ICANN-Studienkreis ist ein offenes Netzwerk von Personen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zur Information und Diskussion der Entwicklung der ICANN.

(Hier finden Sie eine kurze Beschreibung der Tätigkeit von ICANN)